Haiti vor zwei Monaten

Bereits am 08.Februar habe ich diesen Artikel fertiggestellt und zur Veröffentlichung an Manova gesendet. Im März habe ich ihn ergänzt um die Ereignisse die sich in der Zwischenzeit ereignet haben. Schlussendlich hat sich Manova zu meinem Bedauern gegen eine Veröffentlichung entschieden und bei mir wurde die Veröffentlichung überdeckt von dem Tourstart des OMNIBUS für Direkte Demokratie. Nichtsdestotrotz habe ich mich nun für eine verspätete Veröffentlichung entschieden, um meinen Lesern die Bewertung dieses Artikels zu überlassen und dies als Zeitdokument in die Welt zu setzen. Lesen sie selbst:

Version: 09.März 2026

Dubionel St. Surin, ein 68 jähriger Haitianer, der seit fast zehn Jahren sein eigenes Land nicht mehr bereisen kann und in Little Haiti, Miami als Polizist arbeitet, schaut mit sorge auf die Entwickelung in seinem Heimatland. Für ihn war die Sache bereits im vergangenen November klar. „Die Haitianische Übergangsregierung hat kein ernsthaftes Interesse daran Wahlen abzuhalten. Sie profitiert von der Gang-Kriminalität in der Hauptstadt.“ „Sie werden die Unsicherheit nutzen um an der Macht zu bleiben.“ Der Ursprung der Gangs ist unmittelbar auf die politische Praxis des Landes zurückzuführen, nicht zuletzt waren es Politiker die im Wahlkampf Zivilisten bewaffnet haben um ihre Chancen zu erhöhen. Und das nicht erst seit der Ermordung von Jovenel Moise.

Was St. Surin mir bereits im November in einem Interview berichtete, scheint heute unzweifelhaft eine hellwache Beurteilung der Situation in seiner Heimat zu sein. Der „Transitional Presidential Council“ (TPC) hatte am 23. Januar, nur zwei Wochen vor dem Ende seines Mandats am 07. Februar 2026, entgegen mehrerer Warnungen der U.S.A. dafür gestimmt den Premier Minister, Alix Didier Fils-Aime zu feuern. Fils-Aime wurde zuvor im November 2024 vom TPC erst ins Amt gehoben. Ein Statement eines der Mitglieder, der TPC würde sich innerhalb von 30 Tagen um einen Nachfolger kümmern, macht sehr deutlich, dass St. Surin mit seiner Einschätzung keineswegs daneben lag. Diese 30 Tage würden bis weit in den Februar hineinreichen und das offizielle Rücktrittsdatum vom 07. Februar in den Schatten stellen.

Aber hat die haitianische Regierung wirklich kein Interesse daran, Wahlen abzuhalten?

Ist es lediglich ein Plan, um die Macht des Übergangs-Präsidentenrats (TPC) über den 7. Februar 2026 hinaus zu verlängern? Jefferson Tout-Puissant ist ein haitianischer Unternehmer und Visionär, aus Cap-Haitien, der sich Gedanken über die Zukunft seines Volkes und seines Landes macht und bereit ist, einige Antworten zu geben. Seine Ansichten stellen die Darstellung eines hilflosen Haiti, das auf internationale Interventionen angewiesen ist, in Frage. „Wir brauchen kein Mitleid, sondern souveränes Handeln“, erklärt er. „Was hier geschieht, geschieht in gewisser Weise überall. Die Menschen verlieren Demokratie und Sicherheit durch Korruption und Misswirtschaft. Ich hoffe, dass andere Länder aus unseren Fehlern lernen können, damit sie diese nicht wiederholen müssen.“

Dem TPC mangelt es an Visionen für Haiti“, sagt Tout-Puissant. „Die Haitianer lassen sich nicht so leicht täuschen, sie verstehen sehr gut, in welcher Situation sie leben. Sie [TPC] erfüllen nicht die Aufgaben, für die sie eingesetzt wurden.“ Für ihn ist klar: „Die TPC ist nicht ernsthaft daran interessiert, gegen die Banden vorzugehen, um die Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen, die für die Durchführung freier Wahlen notwendig sind. In gewisser Weise helfen ihnen die Banden sogar dabei, ihre Macht zu erhalten, da es leicht zu rechtfertigen ist, die Wahlen aufgrund der ständigen Kämpfe zu verschieben. Sie versuchen, ihre Regierungszeit zu verlängern. Das haben wir in der Vergangenheit schon oft gesehen.“ Puissant betont insbesondere die Bedeutung freier Wahlen. Er weist darauf hin, dass die Durchführung von Wahlen in der aktuellen Situation zu noch mehr Chaos führen würde. Unter diesen Umständen könnten die Menschen den Ergebnissen nicht vertrauen.
Poussaints Beobachtungen zufolge zeigen die bisher ergriffenen Maßnahmen keine signifikante Wirkung hinsichtlich der Stabilisierung der Lage um Port-au-Prince. „Die frühere, von den Vereinten Nationen legitimierte Mission zur militärischen Sicherheitsunterstützung (MSS) hat sich als Unterstützung der finanziellen Interessen der wohlhabenden Kaste Haitis erwiesen und nur dann ernsthafte und koordinierte Maßnahmen ergriffen, wenn die Banden die Kontrolle über Infrastrukturen übernommen haben, die für die Ausbeutungsinteressen der Unternehmen und eines geschlossenen Kreises wirtschaftlicher Eliten aus Haiti und dem Ausland von entscheidender Bedeutung sind.“

Haiti hat seit seiner Unabhängigkeitserklärung 1804 unzählige Rückschläge und Diskriminierung seitens der internationalen Weltgemeinschaft erlitten, weshalb es wenig verwundert, dass viele Haitianer keinen besonderen Wert darauf legen sich aus dem Ausland sagen zu lassen was gut für ihr Land ist. Zwei der schwerwiegendsten externen Eingriffe in das Schicksal der immer noch jungen Republik bieten Kontext, ohne den die aktuelle Lage nicht vollständig begriffen werden kann.

Nachdem Haiti nach seiner Unabhängigkeitserklärung weitgehend vom Internationalen Handel isoliert wurde, blieb nur Frankreich als nennenswerter Handelspartner übrig. Zwar wurde noch Handel betrieben, aber keineswegs in ausreichendem Maß um die allgemeine Lebenssituation der neu geborenen Republik aus der Armut zu heben, oder das Land nach dem Unabhängigkeitskrieg wieder auf die Beine zu stellen. Nach ungefähr zwanzig Jahren in diesem Zustand machte sich Frankreich die Aussichtslose wirtschaftliche Lage Haitis zum Nutzen und forderte Reparationszahlungen für die ausbleibenden Profite die Haiti in seiner Zeit als Kolonie zwangsweise für Napoleon Bonaparte erwirtschaftet hatte. Im Gegenzug sicherte Frankreich Haiti Kredite und verstärkte Handelsbeziehungen zu. Für die Haitianer, unter ihnen St. Surin und tout Poussaint gilt der damalige President bis heute als ein Veräter am gerade erst frei gewordenen Volk.

Diese Zwangs-‚Reparationen‘ waren eine untragbare zusätzliche Belastung und führten fast zur vollkommenen Zahlungsunfähigkeit des Staates.“ so St. Surin. „Die internationale Gemeinschaft wollte Haiti dafür bestrafen, dass es der Welt gezeigt hat, dass es möglich ist sich von den für Übermächtig gehaltenen Kolonialmächten unabhängig zu machen.“

Für die Bestrafung von der St. Surin spricht lassen sich unzählige Beispiele finden. Während des späten 19. Jahrhunderts musste Haiti regelmäßige Demütigungen durch die sogenannte „gunboat diplomacy“ (Kriegsschiff-Diplomatie) über sich ergehen lassen darunter ein Vorfall der Haiti besonders kränkte. Die „Affäre Lüders.“

In den 1850er Jahren haben deutsche Händler ungefähr 80% des Haitianischen Außenhandels bestimmt. Ein großer Teil davon bezieht sich auf Handel zwischen Haiti und anderen Nationen. Die deutschen Hansestädte kontrollierten dabei im Wesentlichen die Handelsrouten, besonders durch die Hamburg/New York-Route. Die deutschen wurden von vielen Haitianern gern gesehen. Sie interessierten sich etwas mehr für die Kultur und verheirateten sich oft mit haitianischen Frauen aus der Oberschicht. Dass dabei eine wesentliche Rolle gespielt hat, dass Ausländer in Haiti kein Land besitzen durften und dieses Gesetz durch Heirat umgangen wurde wog nicht so schwer wie die Verbrechen anderer Länder an Haiti.

„Die „Affäre Lüders“ hat die damalige Regierung von 1897 und ganze Generationen von Haitianern zutiefst gedemütigt.“ so tout Pouissant Nachdem der Händler und Sohn eines Hamburger Rederers Emil Lüders sich den Aufstand gegen Polizisten der Hauptstadt Port-au-Prince leistete und zu Gewalt griff wurde er dafür, gemeinsam mit einem von den Behörden bereits länger gesuchten Haitiainer, zu einem Jahr Haft verurteilt. Nach wenigen Tagen und einigen internationalen Bemühungen kam er wieder frei und die Sache hätte erledigt sein können.

Zwei Monate später landeten allerdings 2 Militärschiffe der Kaiserlichen Marine in Port-au-Prince und stellten unhaltbare Forderungen an den Haitianischen Präsidenten. Sie forderten:

  • 20.000 US Dollar Entschädigung und die Entlassung der verantwortlichen Richter und Polizisten. (Damalige Kaufkraft 712,356.04 Dollar)
  • eine öffentliche und schriftliche Entschuldigung inklusive 21 Salut-Schüssen für die deutsche Flagge.
  • Die Rehabilitierung Lüders und die Erlaubnis wieder einreisen zu dürfen, um die Geschäfte in Kaiserlichem Auftrag weiterzuführen.

Es wurde ein Ultimatum gestellt in dem die Haitianische Regierung genau vier Stunden Zeit hatte diese Forderungen zu erfüllen bevor die Schiffe das Feuer auf die Stadt eröffnen. Wohl wissend, dass die Haitianer, müde von Bürgerkriegen und Verteidigungen ihrer Freiheit und angesichts der ausländischen Überlegenheit sich keinen Gegenangriff leisten würden haben die deutschen Eitelkeiten tiefe Furchen in die Beziehung zu Haiti gegraben. Bei diesem und den vielen anderen Vorfällen von „gunboat diplomacy“ war die Botschaft klar: „Ihr seid kein Teil der Internationalen Gemeinschaft“ sagt Dr. Jean Baptiste Charlot in seinem Buch „Melanin Matters“, das mit Falscherzählungen über die Minderwertigkeit dunkler Hautfarbe aufräumt und eine ungewöhnliche Perspektive auf Haitis Geschichte bietet. „sie nutzen gerne die Vorteile die der Handel für sie mit sich bringt, aber behandeln uns nicht gleichwertig.“ Bezeichnend dafür ist auch, dass bis heute zu dem Ereignis das in Haiti als tiefste Wunde in seinen Beziehungen zu Deutschland bezeichnet wird, nicht einmal ein Wikipedia Eintrag in deutscher Sprache auffindbar ist.

„1934 war das Gesetz, das Haitianer vor internationaler Ausbeutung und Wettbewerbsnachteilen schützen sollte ersetzt worden, sodass jeder Ausländer nun Land auf Haiti besitzen durfte. Die Vereinigten Staaten haben ein korruptes System zurückgelassen als sie Haiti wieder verließen“ sagt St. Surin. Nach dem Ausreichend Erkenntnisse über das Vorkommen seltener Erden gesammelt waren, wurden die Besatzungstruppen abgezogen und die U.S.A. stellten Haiti die entstandenen Besatzungsausgaben in Rechnung.

Weniger als 20 Jahre später sind die Vereinigten Staaten 1915 in Haiti eingefallen, haben über zwei Jahrzehnte das gesamte Land sorgfältig kartografiert und die nicht unerheblichen Goldreserven aus der Generalbank entwendet. „1934 war das Gesetz, das Haitianer vor internationaler Ausbeutung und Wettbewerbsnachteilen schützen sollte, ersetzt worden, sodass jeder Ausländer nun Land auf Haiti besitzen durfte. Die Vereinigten Staaten haben ein korruptes System zurückgelassen, als sie Haiti wieder verließen“, sagt St. Surin. Die U.S.A. stellten Haiti die entstandenen Besatzungsausgaben in Rechnung.

Die Struktur die nach der Amerikanischen Besetzung zurückblieb brachte viele Amerikanische Investitionen mit sich und mit ihnen auch Versuchungen für die Politik, den eigenen Lebensstandard durch Korruption etwas zu erhöhen. Als Folge amerikanischer Reis Exporte wurden Haitianische Bauern aus ihrem eigenen Markt verdrängt und die Vielfalt der unterschiedlichen Reissorten Haitis reduzierte sich dramatisch. Die Systematische Zerstörung von lokaler Familiengeführter Landwirtschaft stärkte Haitis Anfälligkeit und Abhängigkeit von U.S. Importen.

Was in Venezuela einen großen internationalen Aufschrei mit sich brachte und die Medienlandschaft für Monate füllte bleibt in Haiti eine Randnotiz in der internationalen Berichterstattung. Am 2. Februar bestätigte das Weiße Haus, dass sie ein Kriegsschiff, begleitet von zwei Schiffen der Küstenwache in die Bucht vor Port-au-Prince entsendeten um den Rücktritt des Transitional Presidential Council am 7. Februar „sicherzustellen“. Spätestens seit Nicolas Maduro’s Entführung in Venezuela ist es kein Geheimnis, dass der Administration im Weißen Haus auch alte Mittel wie „gunboat diplomacy“ recht sind und die Souveränität eine Landes uninteressant ist wenn es Amerikanischen Interessen nützt. In Haiti reiht sich diese Vorgehensweise unmittelbar in Ereignisse von vor über 100 Jahren ein.

Die Vereinigten Staaten haben klare Drohungen ausgesprochen, die schlussendlich mit dazu führten, dass der U.S. Unterstützung genießende, nicht gewählte Premierminister Haitis, Alix Didier Fils-Aimes, sein Amt ende Januar behalten konnte. Der TPC ist am 7. Februar tatsächlich zurückgetreten wobei fraglich bleibt ob dies auch ohne Amerikanische Militärpräsenz der Fall gewesen wäre. Der Rücktritt des TPC macht Fils-Aimes de facto zum Staatsoberhaupt von Haiti.

Die Meinungen in Haiti, über diese jüngste Machtdemonstration der U.S.A. reichen von zutiefst besorgt bis vorsichtig hoffnungsvoll. Eines bleibt jedoch Konsens, die größte Kritik gilt den vergangenen und gegenwärtigen Regierungen und ihrer mangelnden Souveränität die Krisenherde Haitis zu Adressieren. „Als wir noch Wahlen hatten war es gängige Praxis, dass Kandidaten Zivilisten und Ex-Polizisten mit Schmuggelware aus den USA bewaffneten und ihnen versprachen sich für ihre Angelegenheiten einzusetzen, wenn sie im Gegenzug dabei halfen, dass ihre Mitmenschen bei der Wahl das ‚richtige‘ Kreuz machen.“ erinnert sich St. Surio. „Sobald sie dann gewählt waren haben sie ihre Loyalitäten vergessen und ihre Milizen fallen lassen.“ Tout Pouissant findet ähnliche Worte. „Unsere Politiker sind maßgeblich für das Entstehen dieser Bewaffneten Gangs mitverantwortlich und Amerika half ihnen dabei.“

Auch nach dem Rücktritt des TPC, an den wenige geglaubt hatten, bleibt die Kritik die selbe. AP News stellt bereits am selben Tag infrage ob ein Ersatz in irgendeiner Form je ernannt würde und ob 2026 überhaupt Wahlen stattfinden werden.

Fils Aime hat am 02. März ein Kabinett von 18 Ministern ernannt und sie mit den Aufgaben die vorher dem TPC innewohnten betraut. Die Legitimation dieses Kabinetts ist zeitlich unbegrenzt und Fils Aime bleibt das Oberhaupt der Haitianischen Regierung. Die Nachricht, dass die Haitianische Regierung die Registration für die Ende 2026 angedachten Wahlen eröffnet scheint ein Lichtblick, ändert aber nichts an der nach wie vor unverändert von Gangs dominierten Lage in Port-au-Prince und Umgebung.

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