Kapitulation vor der Angst

Dieser Tage ist mein Herz schwer, wenn ich in die Welt blicke. Nicht etwa wegen der AfD, oder Fridays For Future, nicht wegen dem Gendern oder Gesetzen die unter dem Vorwand der Solidarität Grundrechte zur Auslegungssache machen; nicht wegen linkem, oder rechtem Faschismus.

Mich grämt etwas grundlegenderes, was allen gemein ist. Die Angst!

Mich grämt die allgemein um sich greifende Intoleranz unter dem Vorwand der moralischen Notwendigkeit. Die Klimabewegung hat Angst vor der Zerstörung unserer Lebensgrundlage, AfD Wähler haben Angst vor der Überfremdung und Kriminalisierung ihres Landes durch Zuwanderung, die Neulinken haben Angst vor Fremdenfeindlichkeit und einer autoritär faschistischen AfD. Die Debatte über das Verbot einer Oppositionspartei schürt die Angst vor unterdrückung politisch anders denkender.

Das Kollektiv was daraus entsteht ist ein Angstgesteuertes. Die Angst war schon immer ein schlechter berater, besonders wenn es um die Zukunft geht. Deutschland ist gefangen in endlosen destruktiven Debatten in denen nicht viel mehr passiert als dass die vermeintlich entgegengesetzte Ängste sich gegenseitig triggern. Im digitalen Raum lernen wir die Sprache der Anschuldigungen. Als Gesellschaft scheinen wir verlernt zu haben einfach mal zu sagen: „Ich habe Angst!“ Stattdessen sagen wir: „Du hast Unrecht. Du bist ein Menschenfeind. Du bist ein Demokratiefeind. Du bist ein kranker Ideologe“

ICH HABE ANGST!!!

Wenn ich nicht weiß, dass ich Angst habe dann hat die Angst mich. Sie setzt mir die Scheuklappen auf und reduziert meine Wahrnehmung auf Traumabestätigung. Ich suche danach, was ich von der Welt und meinen Mitbürgern denke und das finde ich auch. Das einzige, was uns dabei zur Gestaltung gegeben ist, sind unsere Gedanken. Wir können beeinflussen, was wir über unsere Mitmenschen denken.

Auf der Straße erlebe ich oft, dass diese einfache Aussage nur selektiv angewendet wird. in den Bereichen, die nicht von der Angst besetzt sind stimmen mir die meisten zu. Die Gedanken sind gestaltbar und ich kann beeinflussen was ich über die Welt denke. Gerade in den Bereichen in denen wir von Angst besetzt sind schaltet sich unser Denken oft aus. Wir überlassen unbewusst der Angst die Führung und rechtfertigen sie über alle möglichen Rationalisierungen und Faktenargumente. Dabei wird übersehen, dass jeder Fakt den wir dabei heranziehen das einzige Ziel verfolgt die eigene Angst und Position zu verstärken. So entsteht ein Klima in dem alle ein bisscchen von der Wahrheit sprechen, in dem Fakten auch oft stimmen, nur die Interpretation und der Handlungsauftrag den wir daraus ableiten ist schon wieder vollkommen von unserer Angst eingenommen und kurzsichtig.

Angst ist reaktionär. Die Politik die gemacht wird ist reaktionär. Aktivismus ist reaktionär. Unser Wahlverhalten ist reaktionär. Öffentliche Berichterstattung stabilisiert reaktionäre Narrative und sorgt dafür, dass wir schnell genung mit neuer Angst versorgt werden, bevor die alte nachlässt.

Die Corona-Krise hat dabei sehr stark dazu beigetragen Angstlager zu bilden. Angstlager die starke Zugehörigkeit und Abgrenzung sozial institutionalisiert haben. Das eine Lager hat Angst vor Freiheitsverlust und staatlichen Übergriffen, das Andere hat Angst davor schwer krank zu werden und vor den Ungeimpften. Die Angst davor die eigene Gesundheit zu verlieren vereint die beiden. Die Gefahr die gesehen wird ist sehr unterschiedlich. Angst vor Impfschäden eines experimentellen Impfstoffes steht gegen die Angst vor dem Killervirus.

Angst möchte gesehen und wahrgenommen werden. Wenn sie nicht gesehen wird, sucht sie sich ihren Weg auf andere Art in die Welt. Die Zustände in denen sich der Großteil der Gesellschaft, politisch und gesellschaftlich engagiert sind post-angst Phänomene. Wir möchten unserer Angst nicht begegnen. Wenn einer etwas ausspricht, das unsere Angst konfrontiert sind wir versucht uns von dem ganzen Menschen abzuwenden; uns abzugrenzen um die eigene Wunde nicht zu berühren. An der Oberfläche gibt es viele „rationale“ Gründe die das rechtfertigen. Diese Gründe finden oft keine allgemeine Gültigkeit, sondern enden da wo ein Mensch unsere Weltanschauung nicht teilt.

Wir haben große Gemeinsamkeiten, die offensichtlichste ist die Angst. Wenn wir es schaffen diese in der Tiefe zu berühren und einander zu zeigen, entstehen überhaupt die Fähigkeiten, die wir brauchen um uns demokratisch nennen zu dürfen. Der Angst entgegen steht die Liebe. Lieben heißt immer wieder Verletzlichkeit riskieren; der Angst ins Auge blicken! In der Paarbeziehung verstehen wir das unmittelbar. Was dieser aber oft als Missverständnis zu Grunde liegt ist der Glaube, dass nicht alle Menschen unsere Liebe verdient haben. Eckhart Tolle spricht hier vom Egoismus für zwei. Die meisten Beziehungen funktionieren auf einem Ingroup-, Outgroup-Prinzip. Ich liebe Dich, deswegen gehörst du zu mir, die anderen gehören nicht zu mir, deswegen liebe ich sie nicht. Wer gute Freundschaften pflegt oder eine Liebende Familie, der kann mit dieser Beschreibung nicht zufrieden sein.

Lieben ist eine Fähigkeit. Sie muss erlernt werden. Wenn wir nicht alle lieben, ist es nicht Liebe. In meiner Arbeit am OMNIBUS praktiziere ich das. Liebevoll zugewandte Neugier. Ich interessiere mich für die Menschen und ich suche nach dem in dem sie tatsächlich vorkommen. Viele Sätze die wir sprechen sind Platzhalter für die Ideen anderer, in denen wir gar nicht vorkommen. Die haben wir irgendwann mal übernommen. Ich suche danach was die Menschen bewegt und ich finde Schönheit und Liebe in jedem. Das grämt mein Herz, denn sie erzählen mir von der dummen Masse der anderen. ich kann ihr Leiden und ihre Abgrenzung spüren. Das macht mir das Herz schwer, denn im nächsten Moment spreche ich mit dem, der von seiner Vorrednerin als dumm, ungebildet und demokratiegefährdend beschrieben wurde, ohne dass sie sich je begegnet sind; ja ohne, dass ich von diesen Urteilen etwas in diesem Menschen finden kann. Der erzählt mir dann auch wieder etwas von der dummen Masse. Ich halte es nicht aus, dass wir uns so wenig mit Liebe begegnen. Mit von Hetze vergifteten Herzen, werden wir selbst diffamierend, denunzierend, giftig. Weil wir Angst haben.

Hast du schonmal zwei Menschen geliebt, die sich voneinander getrennt haben? Wenn wir die Menschen Lieben, dann ist es uns ein Anliegen möglichst gut für sie zu sein. In so einem Fall bedeutet das sich beide Seiten anzuhören und ernst zu nehmen. Deutschland ist in einem toxischen Rosenkrieg mit sich selbst und wir müssen lernen wieder Trauzeugen zu werden. Keine Seite zu wählen und mit allen zu sprechen. Weil wir sie lieben. Liebe hört zu. Liebe will nicht verändern, oder überzeugen.

können wir dem AfD Wähler in uns selbst begegnen? oder dem Klimakleber? können wir nicht fühlen worum es der genderfluiden bewegung geht, ohne Recht haben zu müssen? ohne uns darauf einzulassen zu streiten, weil jemand findet wir sind oder reden falsch? oder weil wir finden jemand ist oder redet falsch?

Viele haben noch Angst, einige sind schon verbittert, haben sich in ihre Festung zurückgezogen und spüren kein Mitgefühl mehr; auch weil sie es nicht mit sich selbst haben.

Ich habe Angst und ich weiß nicht wie es weiter geht und das macht mir Mut.

Ich weiß, dass ich Angst habe. Das befähigt mich eine bewusste Entscheidung zu treffen. Ich setze den Mut daneben und ich packe die Liebe ein. Ich weiß, dass ich nicht weiter weiß. Das befähigt mich dazu mit anderen ins Gespräch zu gehen und eine gemeinsame Suche starten. Ich weiß, dass ich alle Menschen liebe. Das befähigt mich dazu zu vergeben, zu überdenken, auszusprechen wenn ich merke jemand schadet sich selbst oder anderen. Dann liebe ich auch den der den Schaden angerichtet hat.

Liebe deine Feinde heißt es in der Bibel. Ich fange an zu verstehen was das bedeutet. Für mich ist das die Grundlage dafür, dass wir einander zuhören. Dass wir des anderen Intelligenz nicht beleidigen, dadurch dass wir ihn ernst nehmen. Auf der Straße, sage ich immer:

„Wir streiten zu viel über Denkergebnisse“

oder

„Stell dir vor dieser Fremde ist deine Mutter oder dein Vater“

Wie würden wir mit unseren Feinden sprechen wenn wir sie lieben würden?

Oft wollen wir unser Feindblid nicht verlieren, denn es gibt uns Orientierung und Sicherheit. Ich weiß von wo der Feind kommt, aber der ist in der outgroup, also kann ich mich in meiner ingroup entspannen. Das würden wir damit infrage stellen.

Dann müssten wir alle sagen:

„Ich habe Angst und ich weiß nicht, wie es weiter geht. Das macht mir Mut!“

Was Orientiert uns aber, wenn wir nicht wissen wie es weiter geht und wer der Feind ist?

Mich orientiert die Kunst. Vor einer weißen Leinwand sitzen und aushalten, dass der erste Schritt noch nicht zu sehen ist. Das ist die Voraussetzung für ein Kunstwerk, das die Zeit überdauert.

Die AfD hat keine neuen Ideen. Sie holt die Menschen ab mit mehr von dem Alten. Wirtschaft, Wachstum, Krebsgeschwür.

Die Klimabewegung fordert dinge von der Politik die ebenfalls in der alten Systemlogik funktionieren. Daraus wird nichts neues entstehen. Die Vergangenheit geht in die Verlängerung. So lange bis wir die Fähigkeit entwickelt haben, orientiert in der Ungewissheit zu stehen, die die Zukunft bedeutet. Wenn ich Heute festlege wie mein Leben in 5 Jahren sein wird, dann begrenze ich meine Zukunft auf das meine, heutige, limitierte Bewusstsein.

Ich habe Angst und ich weiß nicht wie es weiter geht! Das macht mir Mut!

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