Fußwaschung

Die Turbulenzen des Tourstarts flachen ab. Werner hat heute zum ersten Mal beobachtet, dass ich Spaß bei der Arbeit hatte. Damit liegt er nicht falsch – die letzten vier Tage waren so ein Ritt durch eine Vielzahl von Gefühlen, Szenarien und Neuorientierungen, dass ich zu sehr mit Überleben beschäftigt war, um Spaß bei der Arbeit zu fühlen. Am Samstag bei der Auftaktveranstaltung der beiden Volksbegehren „Berlin Werbefrei“ und „Berlin Autofrei“ – beide sind Initiativen zur Regulierung des Themas, nicht zur Abschaffung von Autos oder Werbung – hatte Werner einen kleinen Ohnmachtsanfall, der mir besonders gegenwärtig werden ließ, dass ich mich nicht länger davor drücken kann, die Zügel in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig das unsichere Gefühl, ihn nicht wirklich allein lassen zu können ohne die Sorge, er könne wieder ohnmächtig werden.

Drei Tage lang heftige Turbulenzen, ein Team, das versucht, einen neuen Weg zu finden – und ICH muss es führen und kenne die Richtung noch nicht. In der Außenwelt fuhren wir nach Hellersdorf/Marzahn und haben dort unseren ganz eigenen Brennpunkt erlebt. Samuel hat momentan auch mit seinem Körper zu kämpfen und bot darin Werner ein Gegenüber auf Augenhöhe, sozusagen ein Leidensgenosse. Mit offener Kommunikation und Mitteilung über unseren jeweiligen Energiestand haben wir es geschafft, unser Raumschiff, die Argo, wieder in sichere Fahrwasser zu navigieren.

Heute hat Werner angenommen, dass es keine Realität mehr geben wird, in der er den OMNIBUS ohne einen weiteren Fahrer bespielt. Das hat mich unglaublich erleichtert und mir eine große Sorge vom Herzen genommen.

Opi Da Lang ist damit zum Weisen gereift.

Seit zwei Tagen teilen wir zu Beginn des Tages miteinander, wie es uns geht. So entsteht ein Raum, in dem wir mit den vorhandenen Ressourcen entsprechend jonglieren können.

Heute sind dabei schöne Schilderungen darüber aufgetaucht, wie viel allein Werners Anwesenheit den Raum hält und gestaltet. Aufhänger war seine Verlautung darüber, wie wenig nützlich er sich fühle, weil sein Körper ihm so vieles nicht mehr erlaube. Die Kraft des Elders ist nicht auf den Körper angewiesen.

Meine Kapazität steht wieder auf Freude bei der Arbeit und ich verstehe es immer besser, wie ich die Zügel halten soll. Aus dieser neu gefundenen Klarheit und dem Umstand, dass ich Werner ein Fußbad einließ, entstand in mir der Wunsch, ihm die Füße zu waschen, die ihn den ganzen Weg bis hier hin getragen haben. Ich möchte meinem Elder die Ehre erweisen, meine Ehrfurcht vor dem Weg, den er gegangen ist, zum Ausdruck zu bringen.

Ich beginne, erst anfänglich zu begreifen, was für eine Größe dafür vonnöten war.

Lieber Werner, immer wieder bin ich gezwungen, dich neu kennenzulernen, da du nicht aufhörst, zu werden. Dir gebührt meine größte Hochachtung und Dankbarkeit. Welch eine Ehre ist es, dein Erbe zugetraut zu bekommen. Und was für eine große Aufgabe, dort hineinzuwachsen.

Im Moment wache ich jeden Morgen größer auf.

Ich kann uns allen beim Wachsen zusehen und das erfüllt mein Herz mit Freude.

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