Umstülpung InterkontinentaI

Wenn Ich eines aus den vergangenen Sommern am OMNIBUS gelernnt habe ist es, dass der Herbst der folgt eine gnadenlose Umstülpung bedeutet. Von Full speed zu Full stop. Vom einen auf den anderen Tag. Gerade noch in ganz Deutschland unterwegs gewesen jeden zweiten Tag an einem anderen Ort, dich viel gefragt wann du wieder länger an einem Ort sein wirst, dich danach gesehnt es endlich zu sein und auf einmal: ZACK. Du bekommst das was du dir wünschst, musst aber dabei feststellen, dass du verlernt hast mit dir allein zu sein. Du hast dich daran gewöhnt, dass immer jemand da ist. Ein bisschen ist es wie eine Trennung. Am OMNIBUS niemals allein zu sein ist herausfordernd. Von dort nachhause zu kommen an einem Tag an dem Niemand von deinen Mitbewohnern zuhause ist, ist niederschmetternd. Dabei erging es mir bisher in vielerlei Hinsicht deutlich besser als Werner. Er wohnt allein, er hat kein Alternativprogramm. Für mich ist es zwar eine Herausforderung gewesen den Modus von fahrender OMNIBUS auf örtlich gebundene Hochschule umzustellen. Die Hochschule gab mir in der Vergangenheit einen Grund das Haus zu verlassen. Sie erlaubte es mir auch nicht mich in meinem Schmerz zu verlieren, dafür hatte ich meistens zu viele Bälle in der Luft.

2025 Sollte es etwas anders werden. Die Umstellung setzte sich im November erstmal gar nicht ein, sondern der Reisemodus steigerte sich mit meiner Entscheidung direkt nach Haiti zu fliegen, eine Reise die körperlich und geistig von mir volle Anwesenheit forderte und meine Reise in den Journalismus endgültig lostrat. Nachdem ich gegen Ende November in Mexico an meinem „Winterquartier“ angekommen war, hatten Körper und Geist schnell genug von diesem Jahr Anfang Dezember konnte es mir bereits nicht schnell genug zu Ende gehen, dieses Jahr der Neuanfänge. Es stand noch eine kleine Reise nach Yucatan an die mich noch bis Mitte Dezember im Reisemodus verharren ließ. Als diese dann vorbei war brach der erste innere Kampf mit der Umstülpung in mir aus. Ich wollte nichts wissen von niemand und nichts machen. „Aber du bist gerade am anderen Ende der Welt, du kannst jetzt nicht einfachso hier die Zeit verstreichen lassen und nichts tun.“ Ich habe also unmotiviert weitergeschrieben und Videos geschnitten. Wenn ich auf das eine keine Lust mehr hatte, habe ich mit dem anderen weitergemacht. Ein sehr effektives System um sich aus dem Weg zu gehen. Die Zwischenzeit habe ich verspielt oder mit Algorythmen totgeschlagen. Ab und zu mal den Hintern vor die Tür bewegt. Gut, dass ich nicht allein gewohnt habe. Es gab immer noch den Hund der mich ab und zu vor die Türe geschleift hat.

So Wartete ich einfach bis ich im Januar dann wieder Gesellschaft bekommen sollte. Mitte Januar ging es dann schon wieder los mit Reisemodus. Diesmal mit Bruder und altem Freund. Es fühlte sich an wie der Urlaub auf den ich lange gewartet habe, aber wieder Moduswechsel. Kopf beisammen halten hilft, wenn man jeden dritten Tag an einem Ort ist an den man nicht so ohne weiteres wieder zurückkehrt um vergessenes einzusammeln. Ich fühlte mich in einem Anteil meiner selbst gesehen, den man als rückkehrer niemandem nachvollziehbar darlegen könnte der nicht selbst dabei war, einfach weil ich die beiden Jungs mir unglaublich nahe stehen und ebenso wie ich früher oder später zurückkehren würden.

Während sich der Flug über den Atlantik auf den Amerikanischen Kontinent wie die sinnvolle Steigerung meiner aktuellen Lebensweise angefühlt hat und von nicht nennenswerten Komplikationen begleitet war, fühlte sich die Rückkehr an wie eine Verstümmelung. Zurück in die Kälte, in die Engstirnigkeit ins Land der Kehrwoche und Strikten Nachtruhe um punkt 22:00. Da wo die Nachbarn denunzianten sind und man selbst auf einmal überlegt ob man nicht vielleicht den Nachbarn zuerst anschwärzt bevor man den kürzeren zieht. Dort wo in den Nachrichten darüber berichtet wird, dass Deutschland nur der viertgrößte Waffenexporteur in der Welt ist. „Na dann geht es ja noch…“ dort wo dann unterbewusst etwas auftaucht und sagt „naja also vierter Platz ist aber nicht besonders, dritter würde immerhin noch eine Medaille geben“. Dort wo Unsicherheit und Neid mit Boshaftigkeit, oder Lästerei vertuscht wird.

Auf’s Land in Baden-Württemberg. Wo wahrscheinlich einige Touristen durchkommen und denken hier ist es aber schön. Noch nie habe ich allerdings jemand sagen hören, „ach hier sind die Leute ja richtig Nett, da will ich wieder hin.“ Full Stop!

Drei Wochen bin ich jetzt wieder hier. An einem Ort den Ich vor 8 Jahren verlassen habe und jetzt die längste Zeit am Stück innerhalb dieser Zeit überschritten habe. Mit 18 Jahren zuletzt hier gelebt.

So ist diese Transkontinentale Umstülpung in der ich mich gerade befinde wohl die herausforderndste die ich bisher erlebt habe. Sie wirft mich nicht nur zurück in das Stationäre Leben, sondern fordert vvon mir, hier meine Wurzeln neu zu bilden. Sie konfrontiert mich damit, dass ich nicht die Heimat vorfinde die ich verlassen habe, dass ich nicht der selbe bin der sie verlassen hat. Es fordert mich heraus nicht in die alten eingefahrenen Familiären Muster hineinzurutschen, mich voll und ganz mit all der geschehenen Entwickelung hier neu einzubetten. Immernoch ist der Wunsch nach dem Nichts in mir sehr stark. Das Nichts würde nichts verbessern.

Seit etwa einer Woche hat sich etwas in mir herausgebildet, das mir die Situation erträglich macht. Von meiner Konstitution her scheine ich mir das Leben nicht wirklich leicht zu machen, naja ich mag es herausfordernd und weiß um meinen Hang zur Existenzialität. Mir macht das Leichte Leben wenig Freude wenn ich es nicht Teilen kann. Das Leichte Leben scheint mir außerdem ohnehin nur Resultat einer versierten geistigen Entwicklung zu sein und die bildet sich oft über Umwege und Steine im Weg. Daher freue ich mich meist über die Steine, denn in ihnen ist die Frage: „Willst du dich an mir aufrichten, oder liegen bleiben?“ enthalten.  Allerdings bedarf es immer wieder einer klaren Bewusstwerdung über den Zusammenhang zwischen innerem Wachstum und äußerem Konflikt um daran nicht zu zerschellen und sich sogar daran zu freuen.

Bevor ich im November 2025 Mein Land  rein ins Abenteuer verließ, hatte ich eine ziemlich präzise Vorstellungen davon wie mein Leben nach der Rückkehr weiterzugehen hatte. Nur habe nich mich in diesen drei Monaten weiter entwickelt. Im besten Sinne habe ich Abstand von allem gewonnen. Abstand von der Sprache, Abstand von der Mentalität, Abstand von meinem modus operandi, Luft zum Atmen. Einen bereits gefassten Plan wieder zu transformieren um ihn dem Menschen anzupassen der du geworden bist ist eine der Herausforderndsten Aufgaben die einem Im Leben begegnen können. Oft erzeugen sie einen Konflikt mit den eigenen Vorstellungen, Normen und Sorge vor äußerer Bewertung. Darin unterscheiden zu lernen was die eigene Motivation tatsächlich ist, scheint jedes mal aufs neue ein Glücksspiel zu sein. Es bewegt sich zwischen, Vorwand zur Selbstaufgabe und notwendige Veräderung zur Sebstverwirklichung.

Mittlerweile scheint ist mir dieser Prozess nicht mehr fremd und ich habe Gesetzmäßgkeiten festgestellt, an die ich mich zu halten versuche wann immer mein Bewusstsein mir einen klaren Blick auf den Sachverhalt erlaubt.

  • Wenn du dich auf den Weg machst wird dich finden was du suchst. — Dabei ist nicht entscheidend, dass es besonders ausgefallen, erfüllend oder selbstverwirklichend ist was du tust. Entscheidend ist, dass du auf dem Weg immer die Augen offen hältst. Wenn du nichts besseres weißt, dann tu das worauf du gerade Lust hast.
  • Die richtige Entscheidung ist immer zweifelsfrei. Solange es Zweifel gibt ist es nicht die Lösung. In der Liebe ist es uns relativ klar dass es sich so verhält, aber das gilt für alles. den Zweifel und den Stein in der Magengrube ernstzunehmen rettet nicht nur davor am Flughafen von Tijuana beklaut zu werden und von Magengeschwüren mit 50 sondern auch vor einem Fremdbestimmten leben.
  • Ohne Zweifel wirken Hindernisse nicht besonders gefährdend. Oft habe ich erst in der Rückschau, oder beim Freunden davon berichten realisiert wie viel hätte schief gehen können und auch wie vieles was „schief“ gegangen ist gleichzeitig damals von mir nicht als Problem sondern als Chance gesehen wurde. Die Weisheit des Lebens begegnet einem immer auf den Umwegen, dann wenn etwas nicht glatt läuft und oft genug muss man feststellen, dass man nur sehr viel schlechter planen kann als es das Leben vermag. Wo der Zweifel fehlt ist Scheitern gar keine Möglichkeit.

Diese Kriterien erlauben es mir ruhigen Gewissens keine der Möglichkeiten zu wählen, wenn ich nur die Wahl zwischen Dingen habe die in mir Zweifel zulassen. Sie erlauben mir so lange zu feilen oder neu zu greifen bis mich kein Zweifel mehr erreicht.

Solange ich zweifle treffe ich keine Lebensverändernden Entscheidungen.

Solange ich zweifle höre ich nicht auf, denn um zu finden was ich suche muss ich mich auf einem Weg befinden. Warten hiflt nicht.

Ich spreche mit allen betroffenen darüber, was in mir vorgeht, denn ich möchte niemanden im Regen stehen lassen, nur weil ich versuche meinem Weg treu zu bleiben. Alles natürlich immer nur so gut wie ich es gerade kann.

Manchmal kann ich es nicht. Dann treffe ich Entscheidungen während ich noch zweifle. Auffallend oft geht es mir so in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Wenn ich im Zweifel entscheide, hat das eine Lernschleife zur Folge. Irgendwann gewinne ich wieder Klarheit, dann wirkt es so als ob ich am selben Punkt wieder ausgespuckt werde an dem ich eingetreten bin. Manchmal nach einem halben Jahr manchmal nach einigen Monaten, manchmal wiederholt sich dieser Zyklus über Jahre. Nichts daran ist verschwendete Zeit nichts daran zeigt mir, dass ich des lernens unfähig bin. Es ist nur die kompromisslose Aufforderung des Lebens, ungefiltert nach innen zu schauen und sich selbst kennen zu lernen.

Selbstoptimierung ist ein Begriff der dem Ego Schmeckt. Er suggeriert. „Du bist nicht gut so wie du bist“. Erstrebenswerter scheint mir hier der Begriff der Selbstannahme. Gelingt es mir den der ich bin kompromisslos kennen zu lernen seine Schwächen zu studieren und seine Stärken zu verstehen und mit stolz zu sagen „Das bin ich“ „meine Schwächen gehören auch zu mir“ „So darf ich sein“. Natürlich ist es an dieser Stelle hilfreich nicht die Mitmenschen ins offene Messer laufen zu lassen. Der Vorteil, den einer hat der sich selbst relativ präzise zu verstehen weiß ist, dass er vieles vorhersehen kann und gut daran tut die die ihm wichtig sind oder davon betroffen sein könnten darüber in Kenntnis zu setzen. Dabei wird er Feststellen, dass was er vorher als gefährdend für die eigene soziale Kompatibilität eingestuft hat zum neuen Anlass wird, dass er tiefer von anderen verstanden und geschätzt wird. ’nur‘ weil er sich selbst besser versteht und mitteilt.

Die letzten Wochen schien mir meine Ungewissheit ziemlich unaushaltbar zu sein. Ich hatte bereits genug Erfahrung, zu wissen, dass es sehr lohnend sein würde wenn es mir gelingt diese Ungewissheit auszuhalten und als Frage eine Weile durch mein Leben zu tragen. Nicht zu flüchten, nicht nach vorn, nicht zurück und auch nicht nach Cuba. (Jon hatte mich gefragt ob ich jemand kenne der nach Cuba Fliegen möchte als Journalistische Reise)

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