Reisen und Wurzeln

Mitten im Januar sind es bereits zwei Monate, die Ich auf dem Amerikanischen Kontinent verbringe. Absurd. Es müsste sich außergewöhnlicher anfühlen, denke Ich. Es scheint allerdings normal geworden zu sein für mich. Ich bin nicht vor zwei Monaten losgereist . Meine Reise fühlt sich eher nach drei Jahren an.

Die Universität war eine Wachstumsentscheidung. Ich habe Menschen getroffen, die mir viel bedeuten, aber ein Zuhause ist es nie richtig geworden. Es war wertvoll, lehrreich, aufregend und vieles mehr; alles was zu einer Reise dazugehört, aber nichts davon fühlte sich nach Zuhause an. Vielerorts ein gern gesehener Gast. So fühle ich mich seit fast zwei Jahren. Vielerorts fühlte ich mich auch wohl für eine Zeit, dann musste ich wieder weiterziehen.

Ich bin es sehr leid ein reisender zu sein. Sicher ist es ein unglaubliches Privileg, so viel von Deutschland zu sehen und von dort auf einen anderen Kontinent zu reisen, auch diesen zu erleben, zu spüren und dessen Luft zu atmen; neue Bräuche, die mir teilweise schon bekannt waren, besser zu verstehen.

Letzten Sommer habe ich bereits die Entscheidung getroffen mir ein Zuhause aufzubauen, umgeben von den Menschen die mir am nächsten sind. Geduld Junge, Geduld…

Wann wird es sich endlich wie Heimat anfühlen? Bin ich dazu verdammt auf ewig in der Welt „zuhause“ zu sein? Mexico fühlt sich normal und vertraut an, nicht wie die große Fremde. Aber auch hier heißt es „Zuhause auf Zeit“ Zuhause?

Als alleinstehender Mann in dieser Welt gibt es niemanden, der einem bedingungslos ein Zuhause gibt. Eine Mutter gibt eine Heimat, der weibliche Partner ein Zuhause, der männliche Partner ist derjenige der es beschützt. Der, der Sicherheit gibt muss lernen, diese Sicherheit aus sich hervorzubringen. Die Weibliche Kraft gibt ein Zuhause-Gefühl, wenn sie das Gefühl hat sicher zu sein. Das Zuhause-Gefühl, gibt der Männlichen Kraft Sicherheit. Aber wo fängt es an?

Wurzeln scheinen dafür ein passendes Bild zu liefern. Wurzeln braucht jeder Baum um Stürmen standzuhalten. Wächst ein Baum zu schnell, wird er eher sterben, weil er zu wenig Energie auf die Wurzelbildung verwendet hat. In Deutscchland ist das die Erklärung für das Fichtensterben.

Bei allem „Fortschritt“ rücken die eigenen Wurzeln in unserer modernen Gesellschaft immer weiter in den Hintergrund. Ahnenforschung hat eine mindestens Konservative wenn nicht Rechtsextreme Anhaftung. Wer sich dafür Interessiert ist wenigstens ein Sonderling in unserer Gesellschaft.

Wenn es um unsere Vorfahren geht, dann geht es nur um einen Teil der Wurzeln die es neu zu kultivieren gilt. Um sie zu kultivieren müssen sie allerding bekannt sein. wir brauchen ein liebevolles Verständnis davon was unsere Ahnen verwurzelt, bewegt, oder entwurzelt hat. Ohne dieses Verständnis können wir keine gesunden eigenen Wurzeln kultivieren.

Die Entwurzelung scheint dabei ein notwendiger Schritt zu sein im Sinne einer Umsiedelung etwa. Dennoch darf sie nicht zum Dauerzustand werden.

Um sich neu zu verwurzeln bedarf es des Willens. Ich muss bereit sein mich festnageln zu lassen, denn dort wo ich Wurzeln schlage bin ich verhaftet. Davor haben wir meistens Angst. Dabei geht es nicht um Verhaftung, sondern um freiwillig angenommene Verantwortung. Die Freiwilligkeit ist es, die eine tiefe Verbundenheit schafft mit dem was wir tun. Wurzeln schlagen bedeutet nichts anderes als Verantwortung übernehmen.

Welche Wurzeln verhelfen mir jedoch dabei in die Höhe zu wachsen und welche ziehen mich in die Tiefe? Das gilt es immer wieder sorgfältig zu beobachten.

Manche Wurzeln sitzen so tief und sind so faul, dass es sich sinnvoll anfühlt sie einfach abzuschneiden. Sich davon zu „befreien“ bedeutet allerdings auch einen Teil von sich selbst für immer zu verlassen. Es entsteht eine Wunde. Manchmal ist das der einzige Weg, aber wer die Kraft möge versuchen die faule Wurzel zu heilen und von einer schwäche in eine Stärke zu verwandeln. Das ist mühsam und kostet Kraft, aber es lohnt sich.

Ein Baum ist nicht isoliert oder gar einsam. Er steht in lebendiger Verbindung mit anderen Bäumen durch freundliche Gemeinschaft in symbiotischer Beziehung mit Pilzmyzelen. Die Myzele transportieren Information zwischen den Bäumen und es entsteht ein Wald.

Manchmal ist mein Wunsch danach Myzel zu sein größer, manchmal danach verwurzelter Baum zu sein der Schatten spendet. Im Moment enthält mein Leben mehr Myzel als Wurzel. Das gleichgewicht suche ich noch.

Lasst uns werden wie die Wälder.

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